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Aktuelles

Jura und Psychologie: Der (möglicherweise) demente Mandant


Wenn Sie, so wie ich, schon seit nahezu 30 Jahren Anwalt sind, dann hatten Sie vielleicht auch schon den einen oder anderen Mandanten (m/w), bei dem Sie immer mehr das Gefühl beschlich, dass mit diesem Mandanten irgendetwas nicht stimmt.

Das fängt häufig ganz harmlos und sogar interessant an. Der (in der Regel betagte) Mandant behauptet zum Beispiel, in seiner Wohnung bestohlen oder von Geschäftspartnern betrogen worden zu sein. Seine Geschichte ist auf den ersten Blick stimmig, und seine Argumentation teilweise sogar recht intelligent und scharfsinnig. Es macht durchaus Spaß, sich auf die Gedankenwelt dieses Mandanten einzulassen.

Zwar wurde ihm von der Staatsanwaltschaft respektive dem erstinstanzlichen Gericht nicht geglaubt. Aber wenn er nun doch recht hat? Wenn er Opfer einer Intrige der anderen Beteiligten geworden ist und sich die Justiz mit seinem Fall bislang einfach noch nicht sorgfältig genug beschäftigt hat? So etwas gibt es ja. Ein Anzeigeerstatter oder Kläger/Beklagter, der viel erzählt und dabei häufig auch vom rechtlich Relevanten abweicht, ist bei Gerichten und Behörden nun einmal nicht besonders beliebt; denn es ist sehr zeitaufwändig, sich mit ihm auseinander zu setzen.

Nun sitzt dieser Mensch vor Ihnen, dem Anwalt seines Vertrauens. Also glauben Sie ihm und lassen sich auf seine Argumentation ein. Er hat ja häufig eine durchaus interessante Lebensgeschichte, war Künstler oder was auch immer. Jedenfalls kein 08 15 Typ.

Das Problem zeigt sich erst später. Wenn man nämlich den einen oder anderen Punkt in der Argumentationskette des Mandanten eindeutig als unwahr oder zumindest nicht beweisbar identifiziert und den Mandanten damit konfrontiert. Dann muss man leider häufig feststellen, dass dieser Mandant nicht bereit oder nicht in der Lage ist, die Realität zu akzeptieren. Stattdessen wiederholt er gebetsmühlenartig immer wieder den gleichen unglaubwürdigen Vortrag, schmückt ihn vielleicht sogar noch mit weiteren Details aus und wird richtig ärgerlich, wenn „sein Anwalt“ nicht bereit ist, ihm in diesem Punkt zu folgen.

Was tun? Man ist als Anwalt ja in der Regel kein richtiger Psychologe, auch wenn man im Laufe der Jahre natürlich eine gewisse Menschenkenntnis entwickelt hat. Aber ob der Mandant tatsächlich an einer Demenz oder sonstigen geistigen Störung leidet, können wir Juristen normalerweise nicht mit Sicherheit diagnostizieren.

Lässt man sich dann weiterhin auf die Geschichte des Mandanten ein und versucht, ihm so gut es eben geht zu helfen? Oder muss man an irgendeinem Punkt eine klare Grenzlinie ziehen und sagen: Nein, so geht das nicht. Das kann nicht stimmen, deshalb können wir das auch nicht so bei Gericht oder bei der Staatsanwaltschaft vortragen.

Häufig ist das eine schwierige Entscheidung; denn dieser Typus von Mandant vermittelt einem gern das Gefühl, dass man selber der letzte ist, dem er noch vertraut, auf den er seine ganze Hoffnung gesetzt hat. Und jetzt ist er natürlich zutiefst betrübt und enttäuscht, dass auch Sie ihn im Stich lassen. …

Trotzdem glaube ich, dass man als verantwortungsbewusster Anwalt die Aufgabe hat, dem Mandanten zu sagen, was geht und was nicht geht. Und wenn es der Mandant gar nicht einsehen und verstehen kann oder will, dann muss man das Mandat notfalls beenden, so schwer einem das manchmal auch fallen mag.


Dr. Wolfgang Gottwald
Rechtsanwalt

Lawyers and Lions


Picture this: People cuddling lion babies because they are so soft and sweet.

Then all of a sudden the cute little cub turns into a predator and bites their throat. ...

With lawyers, it's about the same: They may look nice and say beautiful words.

But make no mistake. If the case or their clients so require, they will kill you on the spot.

Wolfgang Gottwald (11/21)

Wie wichtig ist eigentlich die Auswahl des richtigen Anwalts?


Antwort: Sehr wichtig

Warum? Aus verschiedenen Gründen

1. Fachliche Qualifikation

Der offensichtlichen Grund ist: Sie wollen natürlich von einem Anwalt beraten und, falls erforderlich, gerichtlich vertreten werden, der etwas von seinem Handwerk versteht. Die fachliche Qualifikation des Anwalts ist also von großer Bedeutung.

Andererseits sollte man dieses Auswahlkriterium auch nicht überschätzen. Ab einer gewissen „Ebene“, wenn ich das einmal so ausdrücken darf, ist die Qualifikation von Anwälten nämlich ziemlich ähnlich.

Die allermeisten Fachanwälte kennen sich in ihrem Rechtsgebiet ziemlich gut aus. Das heißt, sie kennen die einschlägigen Gesetze und die hierzu ergangene Rechtsprechung beziehungsweise können diese zumindest relativ kurzfristig zuverlässig recherchieren.

Wenn Sie sich mit Ihrem Rechtsproblem also an einen Fachanwalt auf dem betreffenden Rechtsgebiet wenden, sollten Sie fachlich auf der sicheren Seite sein.

2. Persönlichkeit

Überspitzt formuliert: Fast schon wichtiger als die fachliche Qualifikation erscheint es mir, dass Sie den Anwalt finden, der von seiner Persönlichkeit her zu Ihnen passt.

a) Das bedeutet nicht, dass Sie und Ihr Anwalt, neudeutsch ausgedrückt, ein Tinder-Match sein müssen. Im Hinblick auf Hobbys und sonstige Vorlieben  müssen Sie nicht unbedingt miteinander harmonieren.

Aber: Es macht einen erheblichen Unterschied, ob Ihnen Ihr Anwalt bei jedem Rechtsproblem als erstes den Gang zu Gericht, notfalls über drei Instanzen bis zum Bundesgerichtshof, empfiehlt oder ob er - in Absprache mit Ihnen - zunächst versucht, eine gütliche Einigung mit der Gegenseite zu finden.

Das ist auch eine Frage der Persönlichkeit – Ihrer und der Ihres Anwalts. Streiten oder schlichten? Einen Kompromiss suchen oder die eigene Position energisch/kompromisslos durchsetzen? Soll Ihr Anwalt eher "Mediator" sein oder "Knüppel aus dem Sack"? …

b) Welche Strategie man einschlägt, welchen Weg man wählt, hat einen ganz erheblichen Einfluss auf Ablauf und Ausgang des Verfahrens. Nicht nur vom Zeit- und Kostenaufwand her, sondern die Strategie beeinflusst auch sehr stark, ob man der Gegenseite nachher noch in die Augen schauen kann (und will) oder nicht.

c) Die Persönlichkeit des Anwalts ist außerdem entscheidend dafür, wie angenehm oder unangenehm die rechtliche Auseinandersetzung Ihnen (rückblickend) erscheinen wird. Natürlich hängt das auch von Ihrem Gegner ab. Aber ganz ehrlich: Sie werden im Laufe einer rechtlichen Auseinandersetzung deutlich mehr Zeit im Umgang mit Ihrem Anwalt verbringen als mit der Gegenseite. Idealer Weise schirmt Sie Ihr Anwalt sogar von den feindseligen Attacken des Gegners ab. Es ist also wichtig, dass Sie zumindest den Umgang mit Ihrem Anwalt als - den Umständen entsprechend - angenehm und möglichst wenig belastend empfinden.

Fragen Sie sich: Rufe ich gerne bei meinem Anwalt an? Wie reagiert er auf meine Vorschläge und Einwendungen? Ist es mir unangenehm, bestimmte Punkte gegenüber meinem Anwalt anzusprechen? Wie werde ich dort behandelt, wenn ich kurzfristig mit meinem Anwalt sprechen möchte? …

3. Kosten

Die anwaltliche Dienstleistung kostet Geld. Nun gibt es zwar eine Gebührenordnung (RVG), die für alle Anwälte gleich ist. Aber gerade im Wirtschaftsrecht rechnet eigentlich kaum eine Kanzlei nach RVG ab, sondern vielmehr – was ohne weiteres zulässig und üblich ist - auf der Grundlage einer Vergütungsvereinbarung nach Zeitaufwand.

Da macht es dann eben einen (erheblichen) Unterschied, ob der Stundensatz € 200 beträgt oder € 400 oder € 600, und ob Sie von 1 Anwalt vertreten werden oder ob auf Ihrer Seite immer 2 Anwälte mit am Tisch sitzen und von Ihnen bezahlt werden wollen.

 

4. Fazit

Meine Empfehlung wäre: Gehen Sie zu einem Anwalt beziehungsweise zu einer Kanzlei, bei der Sie sich wohlfühlen - auch kostenmäßig, soweit das eben geht. In diesem Sinne sollten Anwalt und Mandant zueinander passen und ähnliche Ansichten vertreten. Dann ist es nämlich viel leichter, eine gemeinsame Strategie zu finden und diese auch überzeugend zu vertreten.


Dr. Wolfgang Gottwald
Rechtsanwalt

Follow your Rechtsgefühl


Als nicht ganz so große Kanzlei bekommt man manchmal Anfragen, da geht es um Sachverhalte, bei denen, juristisch ausgedrückt, der „Streitwert“ eher gering ist.

Für Nichtjuristen: Kleinkram, Pipifax …

Wie soll man als Anwalt mit solchen Anfragen umgehen?

1. Rechtlich sind die Dinge manchmal nicht uninteressant und auch gar nicht so einfach. Wenn man das juristisch sauber durchprüfen wollte, dann müsste man schon eine gewisse Zeit darauf verwenden. Außerdem müsste man vorab den Sachverhalt näher klären. Aus den zwei oder drei Sätzen, die einem ein potentieller Mandant da schreibt, gehen ja häufig nicht alle Sachverhaltsangaben hervor, die für eine saubere juristische Prüfung relevant sind oder sein könnten.

2. Aber was will man für so eine rechtliche Prüfung dann berechnen? Den üblichen anwaltlichen Stundensatz von vielleicht 200 € plus Mehrwertsteuer? Der steht häufig in keinem Verhältnis zur – geringen - wirtschaftlichen Bedeutung der Angelegenheit.

Den Mandanten also kostenlos beraten? Also einmal davon abgesehen, dass das rechtlich (wahrscheinlich) unzulässig ist, sehe ich nun auch nicht ein, eine fundierte, verbindliche Rechtsauskunft kostenlos zu erteilen. Dafür würde man ja am Ende auch haften.

Davon abgesehen: Solche Anfragen kommen häufig von Leuten, die augenscheinlich kein Problem damit haben, hunderte von Euros für Smartphones und/oder Mietautos auszugeben, oder die mal eben einen knapp dreistelligen Betrag für einen Abend in der Shisha Bar „abdrücken“. Warum soll die anwaltliche Leistung dann kostenlos sein? …

Also ich habe für mich als Devise ausgegeben: Wenn die Sache dem „Rechtsuchenden“ nicht einmal 200 € für eine Erstberatung wert ist, dann ist das keine Sache für den Anwalt. Dann einigt euch irgendwie selber beziehungsweise überlegt euch, welche Lösung sachgerecht ist.

3. Unter uns: Wir Juristen machen auch nichts anderes, als dass wir versuchen, richtige, gerechte Lösungen für Probleme des täglichen Lebens zu finden. Gut, wir greifen dabei auf Paragraphen (rechtliche Regeln) zurück. Aber am Ende geht es doch darum, für einen Konflikt eine Lösung zu finden, die von den Beteiligten als gerecht empfunden wird.

Und Gerechtigkeit findet letztendlich nicht in Paragraphen statt, sondern in den Köpfen der Menschen.

4. Also nur Mut. Folgt eurem Rechtsgefühl und löst eure rechtlichen Probleme selber, wenn euch eine juristische Analyse - manchmal völlig zu Recht - zu teuer erscheint.


Dr. Wolfgang Gottwald
Rechtsanwalt

Über die Attraktivität von Gruppen

Kennen Sie dieses Phänomen?

Schauen Sie sich einmal ein Bild von einer Gruppe von Menschen an. Das kann eine reale Gruppe sein, etwa in einem Café oder im Englischen Garten. Oder auch lediglich das Foto einer Gruppe von Menschen.

Möchten Sie zu dieser Gruppe gehören, Teil dieser Gruppe sein?

In vielen Fällen wird Ihre Antwort lautet: Ja, diese Gruppe von Leuten hier im Café oder im Englischen Garten finde ich attraktiv, da möchte ich gerne dazugehören. Oder zu der Gruppe von jungen Leuten, die sich um den Brunnen vor der Münchner Uni versammeln. …

Und jetzt schauen Sie sich einmal die einzelnen Mitglieder dieser Gruppe genauer an. Den Mann in der Mitte oder die junge Frau halb rechts und so weiter. Möchten Sie sich mit ihr oder mit ihm längere Zeit unterhalten, mit ihm oder ihr zusammen sitzen oder nebeneinander stehen und etwas trinken? …

Die Antwort auf diese Fragen lautet häufig: Nein, das möchte ich eigentlich nicht. Denn der Typ da in der Mitte erscheint mir bei näherem Hinsehen ziemlich unsympathisch. Und die junge Frau halb rechts sieht eigentlich ziemlich uninspirierend aus, um nicht zu sagen dumm und häßlich. – (Sie können „der“ und „die“ gern vertauschen, denn um das Geschlechterthema soll es hier wirklich nicht gehen).

Das ist ein in der Psychologie bekanntes Phänomen. Die Gruppe als solche wirkt – häufig zu Unrecht - attraktiver als ihre einzelnen Mitglieder.

Und jetzt meine Hypothese, denn wir müssen ja den Bogen zum Kontext Anwalt/Mandant schlagen: Bei einer Kanzlei ist das genauso. Sie möchten gern von der (großen) Kanzlei Meier-Müller-Schmidt mit ihren 20, 80 oder auch 200 Anwälten vertreten werden. Denn die erscheint Ihnen als Gruppe sehr kompetent und attraktiv.

Wenn Sie sich aber jeden einzelnen Anwalt der Kanzlei als Individuum ansehen, dann kommen Sie vielleicht zu dem Ergebnis: Eigentlich ist der (oder die) nicht kompetenter, intelligenter und/oder sympathischer als der Anwalt in seiner Einzelkanzlei gegenüber.

Diese Einzelbetrachtung sollten Sie meines Erachtens anstellen, wenn Sie sich für einen Anwalt entscheiden. Denn auch in einer größeren Kanzlei werden Sie nicht von der „Kanzlei als solcher“ beraten und vertreten, also nicht von den 200 Kollegen, die da über mehrere Standorte und ggf. Kontinente verteilt zu der Kanzlei gehören. Sondern Sie werden von einer ganz konkreten Person betreut.

Diesen konkreten Anwalt (m/w) aus der Sozietät müssen Sie mit dem Einzelanwalt vergleichen, von dem Sie sich alternativ beraten lassen könnten. Hat er promoviert? Ist er Fachanwalt? Wieviele Jahre Berufserfahrung kann er vorweisen? Finde ich ihn oder sie auch sympathisch? Vertraue ich ihm, dass er sich engagiert um mein Anliegen als Mandant kümmert? ...

Und dann schauen Sie mal, zu welchem Ergebnis Sie dann kommen.

Dr. Wolfgang Gottwald

Rechtsanwalt