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Aktuelles

Die Kündigung des Vertriebsleiters – gänzlich unjuristisch

Die Nachricht aus der Personalabteilung war kurz und unverfänglich: „Besprechung heute 17:00 Uhr Raum 20.17“.

Seine Sekretärin konnte ihm nichts Näheres dazu sagen. Vielleicht ging es um seinen Bonus, oder die brauchten mal wieder seine Unterschrift aus irgendwelchen steuerlichen Gründen. Vielleicht sogar eine Gehaltserhöhung? Die Umsätze waren ja nicht schlecht, obwohl … . Also dass Hinteregger jetzt bei der Konkurrenz einkaufte, war schon ein herber Schlag.

Baumann war 59 und arbeitete seit 17 Jahren bei Deereman Inc, einem amerikanischen Hersteller für Landmaschinen. Vor 5 Jahren war er zum Vertriebsleiter aufgestiegen, zuständig für Deutschland, Österreich und die Schweiz, also die DACH-Region, wie sie im Vertrieb sagten. Sein Büro befand sich im 17. Stock eines Stahlbetongebäudes am Rande von München. Es war sein Büro. Auf dem Schreibtisch standen Fotos seiner Frau und der 3 Kinder. Jenseits der Glastür saß seine Sekretärin, die nun auch schon seit mehr als 10 Jahren seine Diktate abtippe, Termine für ihn vereinbarte und die Ablage machte. In der Tiefgarage stand sein Dienstwagen, ein Oberklassemodell, auf das er mit Recht stolz sein konnte. Dies hier war sein Unternehmen, zumindest fühlte es sich so an.

Als er um 17:00 Uhr das Besprechungszimmer im 20. Stock betrat, war er überrascht. Der Personalleiter, der ihn sonst immer mit einem breiten Lachen und einem kumpelhaften Schulterklopfen empfing, saß ausdruckslos auf der einen Seite des Besprechungstisches, flankiert von einem jungen Mitarbeiter, der wie ein Protokollführer wirkte.

„Herr Baumann, ich will nicht lange um den heißen Brei herumreden. Die Geschäftsleitung hat mich gebeten, Ihnen mitzuteilen, dass man das Arbeitsverhältnis mit Ihnen mit sofortiger Wirkung beenden möchte. Man ist sich bewusst, dass dies jetzt sicher etwas überraschend für Sie kommt. Aber der Umsatzeinbruch in dem von Ihnen zu verantwortenden Bereich, gerade in Österreich, lässt der Geschäftsleitung keine andere Wahl.

Ich übergebe Ihnen hiermit zum einen die fristlose Kündigung und bitte Sie, mir die Key Card zum Gebäude und den Autoschlüssel auszuhändigen. Ein Mitarbeiter vom Sicherheitsdienst wird Sie nachher zu Ihrem Büro begleiten, wo Sie Ihre persönlichen Sachen mitnehmen können. Bitte fassen Sie den Computer nicht mehr an.

Der Firma ist daran gelegen, die Trennung möglichst einvernehmlich über die Bühne zu bringen. Daher habe ich hier zum anderen weitere Unterlagen für Sie, nämlich den Entwurf eines Abwicklungsvertrages mit Outplacementangebot usw. Bitte schauen Sie sich das genau an und geben Sie mir die Unterlagen dann innerhalb von 3 Tagen unterschrieben zurück“.

Hatte er richtig gehört? Fristlose Kündigung, Autoschlüssel abgeben, persönliche Sachen mitnehmen? Er wollte dazu ansetzen, den Umsatzrückgang in Österreich und vor allem den Verlust des Kunden Hinteregger zu rechtfertigen. Aber ein Blick in das Gesicht des Personalleiters sagte ihm, dass die Angelegenheit bereits endgültig entschieden war. Der Personalleiter vollzog nur eine Entscheidung, die viel weiter oben getroffen worden war. Vielleicht bei dem für Europa zuständigen Regional Director, vielleicht aber auch noch weiter oben direkt in Detroit. Es machte keinen Sinn, hier und jetzt zu diskutieren oder gar zu lamentieren.

„Tut mir Leid, Karl“, rief ihm der Personalleiter beim Hinausgehen noch zu. „Aber du weißt ja, es ist nicht meine Entscheidung“. „Schon klar, Günther, ist nicht deine Schuld“.

Zurück in seinem Büro kam ihm alles fremd vor. Der Schreibtisch, auf den er noch vor knapp einer Stunde und die 17 Jahre davor seine Füße gelegt hatte, kam ihm jetzt vor wie ein neutrales Büromöbel. Die Bilder an der Wand: nicht seine. Das Diktiergerät: gehörte der Firma. Akten, Unterlagen, Kugelschreiber mit dem Firmenlogo: Dinge aus einer fremden Welt. Gegenstände, die ihm noch vor kurzem so vertraut waren und die er praktisch als sein Eigentum angesehen hatte, waren ihm plötzlich fremd. Nur geliehen, nur auf Zeit zur Verfügung gestellt, und jetzt eben wieder zurückgefordert. Das war nicht mehr sein Büro, nicht mehr sein Wagen unten in der Tiefgarage. Und schon morgen würde die Mitarbeiterin, die bis heute 17:00 Uhr seine Sekretärin war, Diktate eines anderen abtippen, für diesen Termine ausmachen und die Ablage erledigen.

Ihm war plötzlich bewusst, dass er nur ein Angestellter gewesen war, ein abhängig beschäftigter Arbeitnehmer in einem Büroraum, der ihm nicht gehörte.

Die Konditionen der Trennung, also die Abfindung usw., würden sicher erträglich sein, und er würde das Ganze natürlich auch von einem Anwalt überprüfen lassen. Die Hoffnung aber, den Job behalten zu können, hatte er nicht. Sein Leben würde von nun an ein anderes sein. …

Wolfgang Gottwald (4/2020)