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Die Welt will spielen

Wenn man an einem späten Sommernachmittag oder -abend im Englischen Garten spazieren geht oder über die breiten Gehwege der Leopoldstraße läuft, kann man manchmal den Eindruck gewinnen, als ob das Leben nur aus Freizeitvergnügen besteht.

1. Gerade in dem Bereich des Englischen Gartens, der sich hinter der Uni befindet, sitzen Gruppen von meist jungen Leuten und spielen Volleyball, werfen sich so einen ovalen Football oder eine Frisbeescheibe zu, zielen mit Tischtennisbällen auf gefüllte Plastikbecher oder sitzen einfach nur so in Gruppen da und reden, sonnen sich, schauen in die Luft. …

Oder sie sitzen in so einer Hookah-Bar in der Leopoldstraße und nuckeln an einer Wasserpfeife. Ein Verhalten, wie man es früher nur von den (meisten alten) Männern in arabischen Ländern kannte, die nichts zu tun haben und eben irgendwie die Zeit totschlagen müssen. …

2. Ist das nicht furchtbar langweilig, stundenlang nur so herumzusitzen und Ball zu spielen? Einhundert Meter weiter stehen, zumindest in diesen Coronazeiten, Polizisten, ebenfalls in kleinen Grüppchen und … - ja, und was eigentlich? Stehen eben auch einfach nur so da und schauen in die Luft. Gibt ja nichts zu tun, ist ja alles friedlich.

Irgendwie scheinen alle nur herumzustehen oder herumzuliegen, Ball zu spielen oder Shisha zu rauchen …

Ist das jetzt schon das Leben oder warten alle nur darauf, dass irgendwo irgendwie irgendetwas passiert? Erinnert mich ein bisschen an Beckett, Warten auf Godot. Das Ballspielen als Painkiller. …

3. Manchmal kann man da schon auch den Eindruck haben, dass das Verfolgen von Freizeitvergnügen zur Hauptbeschäftigung der Leute geworden ist. Arbeitet eigentlich überhaupt noch jemand, sobald das Thermometer einmal die 25°- Marke überschritten hat?

Früher hat man ein solches Verhalten meist nur mit südlichen Ländern in Verbindung gebracht, also Spanien oder Süditalien oder Griechenland. Ich kann mich erinnern: Vor etwa 20 Jahren habe ich einmal einen Rechtsfall gemeinsam mit einem in Malaga ansässigen spanischen Anwalt bearbeitet. Der war dann irgendwie von Juni bis September nie erreichbar, so dass man den Eindruck haben konnte, seine Kanzlei sei in den Sommermonaten schlicht geschlossen. Vermutlich war das sogar so. Diese Verhältnisse scheinen sich in den Norden ausgedehnt zu haben.

4. Ist das nun eine gute oder eine schlechte Entwicklung? Ich bin mir da gar nicht so sicher. Das Thema Work Life Balance ist ja seit einigen Jahren sehr aktuell. Die Spezies des Karrierejuristen oder Investmentbankers, der von 9:00 Uhr morgens bis 21:00 Uhr abends im Büro sitzt und arbeitet, scheint auszusterben. Wahrscheinlich ist das gar nicht einmal so schlecht.

Wenn es immer weniger Arbeit gibt, macht es vermutlich sogar Sinn, diese auf mehrere Schultern zu verteilen. Und ausgeglichene Menschen finden gerade bei rechtlichen Streitfällen häufig auch die besseren, verträglicheren Lösungen, weil sie ihre eigene Unzufriedenheit nicht dadurch kompensieren müssen, dass sie den anderen über den Tisch ziehen.

Man kennt das ja teilweise auch aus eigener Erfahrung: Zu wenig Arbeit ist schlecht, zuviel aber auch. Hat man zu wenig zu tun, fühlt man sich unausgelastet. Stapeln sich dagegen die Akten auf dem Schreibtisch, stellt sich nach einiger Zeit aber auch ein gewisses stressbedingtes Unbehagen ein. Wäre es nicht schön, wenn man immer gerade so viel zu tun hätte, dass man die Arbeit gut und mit Freude bewältigen kann? …

Vielleicht machen es die Leute, die bei schönem Wetter im Englischen Garten oder in den Straßencafes sitzen, ja instinktiv doch ganz richtig. Enjoy it while you can. …

Wolfgang Gottwald (07/2020)