Freitag, 2. Dezember 2022

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Urbi et Orbi

Also das ist schon heftig, was man da so in letzter Zeit in den Schlagzeilen sinngemäß lesen kann: Der frühere Papst als Lügner, Benedikt der Falschaussage überführt, usw.

Verständlich ist die Häme und Härte, mit der jetzt teilweise von Kommentatoren gegen die Kirche vorgegangen wird, meines Erachtens aus zwei Gründen:

Erstens, weil der Boulevard eigentlich immer übertreibt und alles dramatisiert. Wer mit uns im Aufzug nach oben fährt („Wir sind Papst“), der fährt mit uns auch wieder nach unten. So oder so ähnlich hat das doch einmal ein führender Springer-Vertreter gesagt, oder? Da geht es Benedikt jetzt nicht anders als dem früheren Bundespräsidenten Wulff.

Und zweitens gab (und gibt?) es wohl tatsächlich Menschen, die den Papst für unfehlbar hielten und als quasi Heiligen ansahen. Zu erkennen, dass dies ein Irrglaube war, tut natürlich weh.

Letztendlich wird die Kirche auf Normalmaß zurecht gestutzt. Die kirchlichen Würdenträger sind keine unfehlbaren Superhelden, sondern eben auch nur normale Menschen mit Fehlern und Schwächen. In den Kreisen der Kirche finden sich, wie in anderen Organisationen auch, Straftäter und Kriminelle.

Die kirchliche Führungsspitze versuchte offenbar, wie andere Unternehmen und Organisationen auch, Skandale in den eigenen Reihen möglichst  zu vertuschen und geheim zu halten. Die Kirche steht da also auf einer Ebene mit der FIFA, Siemens, Audi oder dem Volkswagenkonzern, um nur willkürlich ein paar Beispiele zu nennen. Das gleich „mafiös“ zu nennen, geht sicher zu weit.

Ist das, was Benedikt getan hat, so furchtbar schlimm? – Wohlgemerkt: Eigenen sexuellen Missbrauch wirft ihm, wenn ich das richtig sehe, niemand vor. – Für einen kritischen Zeitgenossen des 21. Jahrhunderts wahrscheinlich nicht. Im Grunde genommen bestätigt es nur, was man als realistischer Mensch eigentlich schon immer gewusst hat: Die Kirche ist eine Organisation wie andere auch, und man wird nicht etwa kraft Amtes zum Heiligen.

Gehen wir mit Benedikt und den anderen Kirchenfunktionären so um, wie wir mit normalen Menschen auch umgehen würden: Erinnerungslücken oder falsche Erinnerungen eines Hochbetagten sind nicht zwangsläufig eine (vorsätzliche) Lüge oder Falschaussage im strafrechtlichen Sinne.

Die jetzt zur Schau gestellte Empörung ist meines Erachtens nur dann gerechtfertigt, wenn man überzogene Anforderungen an „Seine Heiligkeit“ stellt. Aber er ist kein Heiliger, und er war es auch nie. Und wenn man ihm keine Straftat im strafrechtlichen Sinne nachweisen kann, sollte man sich mit (Vor-)Verurteilungen zurückhalten.

Umgekehrt ist es meines Erachtens aber auch an der Zeit, die Ehrfurcht vor der Institution Kirche abzulegen. Was soll beispielsweise dieser Unsinn mit der Diskriminierung von Frauen? Wir haben ein AGG, welches die Ungleichbehandlung von Geschlechtern verbietet. Dies sollte auch für die Kirche gelten.

Kirchenrecht, welches Kirchenrecht? Recht sollte in Deutschland (nur) von dazu ausgebildeten Juristen gesprochen werden und nicht von kirchlichen Würdenträgern, deren „Qualifikation“ wohl in erster Linie im Glauben besteht.

Wer als Verband einen „Mitgliedsbeitrag“ (Kirchensteuer) einfordert, der soll diesen mit seinen Mitgliedern entsprechend vereinbaren und dann auch selber einziehen. Dieser Mitgliedsbeitrag sollte in einem angemessenen Verhältnis zur Leistung der Organisation stehen.

Auf kirchliche Spendenaufrufe sollte man genauso zurückhaltend reagieren wie auf die „Bettelaktionen“ anderer Institutionen. Die Kirche ist nicht arm, sondern ihre hochrangigen Vertreter leben zum Teil sehr bequem, in protzigen Residenzen mit Dienstwagen und Fahrer. Denen muss man nicht auch noch Spenden hinterher schmeißen. Mit dem Vermögen der Kirche könnte diese auch selber viel Gutes tun.

Und falls jemand trotz aller Enthüllungen immer noch Hoffnungen hegt: Die Freiheit von Sünde kann man sich mit einer Spende nicht erkaufen. Urbi et Orbi ist leider auch ein Mythos.

Wolfgang Gottwald

DR. GOTTWALD
Rechtsanwalt
Attorney at Law

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