• Bild1
  • Bild2
  • Bild3
  • Bild4
  • Bild5

Aktuelles

Jura und Schach II

Auch bei der Denk- und Vorgehensweise gibt es Parallelen zwischen Jura und Schach:

1. Der Schachspieler muss wissen, wie die einzelnen Figuren ziehen können, was eine Rochade ist usw. Der Jurist sollte die verschiedenen Gesetze, Verordnungen und sonstigen Normen kennen.

Dabei ist Jura ungleich komplexer als Schach. Beim Schach gibt es ja gerade einmal sechs verschiedene Figuren mit jeweils genau festgelegten Zugmöglichkeiten. Ein Läufer kann eben nur diagonal ziehen, da gibt es keinen „Interpretationsspielraum“. Dem stehen Tausende, ja vielleicht Zehntausende von Gesetzen bzw. Paragraphen gegenüber, die man bei der Rechtsanwendung kennen und beachten muss.

2. Die Kenntnis der Regeln ist in beiden Bereichen nur der erste Schritt. Man könnte auch von den „basics“ sprechen. Weitaus interessanter ist dann, was man aus den einzelnen Zugmöglichkeiten/Rechtsregeln macht, wie man also sein Spiel oder einen Prozess aufbaut, welche Taktik man anwendet usw. Und auch insoweit erscheint mir Jura weitaus komplexer als Schach.

a) Während Schachfiguren, wie gesagt, jeweils nur sehr beschränkte und genau festgelegte Zugmöglichkeiten haben, bieten Gesetze häufig mehrere Interpretations- und Auslegungsmöglichkeiten (Wortlaut, Sinn und Zweck, usw). Schach ist nur schwarz oder weiß, während es im Recht doch sehr viele „Graubereiche“ gibt.

b) Auch die Kombinationsmöglichkeiten, genannt Argumente, sind im juristischen Bereich weitaus vielfältiger und haben verschiedene Ebenen: materielles Recht und Verfahrens- bzw. Beweisrecht, Gestaltung von Sachverhaltsvarianten, sachliche Argumente oder eher „psychologische“ Argumente, Andeutungen, Formulierungen. …

c) Last but not least: Der Ausgang der Auseinandersetzung ist bei Jura diversifizierter: Im Schach kann man nur gewinnen, verlieren oder sich auf ein Remis (Unentschieden) einigen. Ein juristischer Vergleich dagegen kennt neben einem 50 zu 50 sehr viele Zwischenstufen (70 zu 30, 60 zu 40, …); ja sogar die Einbeziehung von Elementen, die bisher gar nicht „streitgegenständlich“, also Teil der Auseinandersetzung waren. Das ist so, also ob man im Schach sagen würde: Du gewinnst zu drei Vierteln und ich zu einem Viertel. Oder: Bei dieser Partie einigen wir uns auf ein Remis (Unentschieden), und dafür bekommst du beim nächsten Spiel einen Turm mehr oder so.

3. Fazit: Die (so häufig als „trocken“ bezeichnete) Juristerei ist eben doch viel spannender und komplexer als Schach. Vor allem, wenn man noch berücksichtigt, dass es dabei auch um „echte“ Probleme und mitunter Schicksale geht, und nicht nur um eine „Denksportaufgabe“.

Dr. Wolfgang Gottwald
Rechtsanwalt